Schilderbuchgeschichten

Blech is beautiful - eine neue spannende Fundstory

Der Jahreswechsel 2019 stand ganz kurz bevor, es war knackig kalt und ungemütlich draussen. Selbst dann, wenn man nur von drinnen aus dem Fenster blickte.

Einen Freund und mich erreichte relativ zeitgleich - ohne das wir voneinander wussten - eine sehr knapp gehaltene Anfrage ohne Bilder: " Ich habe da so ein altes Zigaretten-Schild mit rauchenden Mohren drauf. Haben Sie Interesse und was bieten Sie dafür" ?

Nachdem das erste Herzklopfen sich gelegt hatte und die erste Kontaktaufnahme gelaufen war, ging es darum sich zu einigen und die Story hinter dem Fund zu erfahren. Am Telefon wurde man sich recht schnell einig. Die Zahlungsmodalitäten wurden abgestimmt und alles ging seinen Gang. Das Schild wurde doch tatsächlich erst Ende Dezember 2018 bei der Renovierung eines Raums gefunden. Dies, hinter einem Regal, wo mit ihm ein ehemaliger Abluftschacht eines Ofens abgedeckt wurde. Und es hing dort auch noch! (Siehe Bilder)

Doch das war noch nicht alles. In einem nächsten Telefonat und einem Gespräch über unser außergewöhnliches Sammelgebiet sagte der junge Mann dann ganz trocken zu mir: "In dem Raum hängt nochmal solch ein Schild. Ich nehme es mal ab und mache noch ein Bild. Wir können uns auf den gleichen Preis einigen!"

"Kneif mich mal sagte ich zu meinem Sammlerfreund nach dem Gespräch. Die schwierige Frage "wer bekommt das tolle Objekt für seine Sammlung?" beantwortete sich also von selbst.

Jeder bekommt einfach ein Exemplar! Eine geniale Win-Win Situation. Bei einem hätten wir Streichhölzer ziehen, oder Münzen werfen müssen. Ein "In-zwei-Teile-flexen“ wäre ja keine sinnvolle Option gewesen. (

Nachricht von Sam!

Vor wenigen Wochen habe ich in den Räumlichkeiten unserer Bremer Tageszeitung gesessen und Lesern Tipps und Informationen zu ihren alten Reklameschätzen gegeben. Eine Dame kam zu mir und berichtete von vier alten Schildern, die sie vor gut 30 Jahren zusammen mit ihrem Mann in Singapur bei einem Antik-Händler gekauft hatte. Er leitete damals dort ein großes Hotel und sie ging in Singapur einer Beschäftigung bei Siemens nach. Drei der vier Schilder bot sie mir direkt zum Kauf an und nach einem kurzen Austausch mit Jochen, fuhr ich zu ihr, um mir die Schilder live anzusehen. Mein kleiner Sohn, der mich an diesem Nachmittag begleitete, und ich fühlten uns in den Räumlichkeiten der älteren Dame auch deshalb so wohl, weil diese sich ganz wundervoll asiatisch eingerichtet hatte. Nach guten zwei Stunden des Plauderns verließen mein Nachwuchs und ich die nette Dame mit den besagten drei Schildern und einer alten Tabakdose unten dem Arm.

Die Bilder zum Ankauf kaum bei Facebook gepostet, kam auch schon die erste Anfrage. Zu meiner Verwunderung kam diese von einem Sammler aus Malaysia, der sich nach den Konditionen und eventuellen Tauschmöglichkeiten erkundigte. Die Anfrage verlief im Sande und war fast schon wieder aus unseren Köpfen verschwunden, als sich schon wieder jemand aus Malaysia bei uns meldete. Ein guter Freund des ersten Interessenten kontaktierte uns und berichtete davon, dass er recht zeitnah nach Deutschland fliegen wolle. Eigentlich verlief auch diese Anfrage im Nirgendwo, doch drei Tage nach der Anfrage sendete ich einfach nochmal eine kurze Nachricht, um mich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen.

Es folgte ein fast zweistündiges "WhatsApp - Hin und Her" zwischen Bremen und (man lese und staune) Wuppertal. Gegen 23.00 Uhr stand dann fest, dass es nur wenige Stunden später und ganze zwei Tage nach der Landung des Fliegers aus Malaysia auf deutschem Boden, zu einem Treffen in Osnabrück kommen sollte. In den Räumlichkeiten einer großen Burgerkette kam es dann zu einem Meeting der etwas anderen Art. Zwei Menschen, die sich noch nie zuvor gesehen hatten, aber beide die Leidenschaft für alte Reklame in sich tragen, erkannten sich sofort durch ein leuchtendes Stück gelber Emaille und begannen umgehend mit einer angeregten Kommunikation. Dank unserer Hände, Füße, seinem guten und meinem schlechten Englisch, gelang es uns stolze zwei Stunden wie im Fluge an uns vorbeiziehen zu lassen.

Jetzt haben wir beide das Gefühl uns Jahre zu kennen. Er zusätzlich ein tolles Buch und ein geiles Petromax Schild von mir. Durch das stattliche Gewicht der beiden Teile wird er mich sicherlich noch mehrfach verfluchen. Zumindest solange, bis er dann, tausende Kilometer entfernt, endlich die neuen Errungenschaften in seinem Zuhause stolz präsentieren kann. Ein einfach nur geiles Treffen mit einem verdammt coolen und netten Typen.

Der alte Mann und das Schokoladenschild

Vor knapp sechs Jahren kam ich plötzlich auf die Idee mal wieder eine Suchannonce zum Thema Emailleschilder zu schalten. Ich muss dazu sagen, dass ich zu dieser Zeit gerade die ersten Schritte in der „Alten Reklame“ gemacht habe, noch nie auf einer Börse oder gar Auktion gewesen bin und nur eine Handvoll Leute kannte, die ich regelmäßig mit „blöden Fragen“ zum Thema alte Schilder löchern durfte. Dafür an dieser Stelle nochmals vielen Dank. Ich weiß dies auch heute noch zu schätzen.

Meine bisherigen Versuche mit Kleinanzeigen waren damals  eher erfolglos, aber so schnell wollte ich dennoch nicht aufgeben. Natürlich war mir bekannt, dass die goldenen Zeiten des Beutemachens längst vorbei waren, aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt und einen weiteren Versuch wollte ich auf jeden Fall wagen. Schon kurze Zeit nach Schaltung der Annonce klingelte das Telefon und ein älterer Herr war am Apparat. Er erzählte mir, dass er alte Traktoren und Tretautos sammle aber auch einige Schilder besitze. Er lud mich ein bei ihm zeitnah vorbeizukommen.

Wir verabredeten uns für den Folgetag und ich erschien pünktlich an der angegebenen Adresse; einem recht noblen Vorort von Braunschweig. Bereits vor der Tür empfing mich der damals aktuellste Porsche zur Begrüßung. Ich wurde freundlich empfangen und umgehend in den Keller gebeten. Dort angelangt wurde mir ein Platz an einem Schreibtisch zugewiesen und ich musste eine ausgiebig Befragung über mich ergehen lassen. Der ältere Herr wollte abklopfen ob ich es überhaupt würdig bin mir seine Sammlung anzusehen.

Man kann sich das Szenario in etwa so vorstellen:
Wir befinden uns in einem 60er Jahre Keller-Büro. Alles grau in grau. Alles exakt aufgeräumt und an seinem Platze. Mittig ein großer Schreibtisch. An diesem sitzend der ältere Herr (um die 80 Jahre jung) und meine Wenigkeit ihm direkt gegenüber platziert. Wer jetzt denkt, dass ich nach einem entspannten 5-Minuten-Talk dann direkt die Sammlung besichtigen hätte können, der irrt gewaltig. Denn so weit war es noch lange nicht. Es lag nämlich noch ein langer steiniger Weg vor mir.

Zunächst wurde mir nämlich „nur“ ein dicker Aktenordner mit unzähligen qualitativ schlechten Farbbildern und Nummern überreicht, den ich (gefälligst) zunächst durchzusehen hatte. Wenn mich etwas interessieren würde, solle ich mich melden. Mir würde dann ein Preis genannt werden. „Oldschool“ dachte ich mir, aber irgendwie auch „lustig“ diese Vorgehensweise.

Vieles war nicht für mich interessant, da auch unzählige Repro-, Versicherungs- und Schriftschilder im Fotoordner zu entdecken waren. Hinzu kam, dass die Zustände der Schilder nicht gerade berauschend waren und auch aus diesem Grund diverse Teile mich nicht ansprachen. Doch es gab auch schöne Schilder im Fundus. Also fragte ich bei einigen Objekten dann doch nach dem Preis. Leider musste bei jedem schlucken, da alle genannten Kurse einfach ausnahmslos völlig überzogen waren.

Einige Beispiele: Ein Mercedes Kundendienst (60 er Jahre) mit einigen Schäden sollte mich lässige 2500 €. kosten. Ein etwas schöneres Allgaier Traktorenschild sogar stolze 4500 €. Reproschilder aus den 90er Jahren lagen bei durchschnittlich 450 € usw.

Bei jedem Schild was ich dem älteren Herren nannte, schaute er akribisch in seinen Ordner und begann direkt mit wilden Rechnereien. Er musste anscheinend zunächst den damaligen Einkaufspreis von Mark in Euro umrechnen. Dann eine Verzinsung hinzu addieren und zu dieser noch einen „Gewinnaufschlag“. Dies alles im Kopf. Es dauerte manchmal mehrere Minuten bis ich eine Preisantwort erhielt. Er rechnete und rechnete. Ein sehr lustiges, aber für mich nach einiger Zeit auch anstrengendes Schauspiel. Egal wie seine Formel zur Preisberechnung auch ganz genau gestaltet war, letztendlich erbrachte sie immer Kurse, die weit über den damaligen Marktpreisen lagen.

Als ich die Hoffnung fündig zu werden schon fast aufgegeben hatte, passiert plötzlich etwas Unvorhergesehenes. Ich fragte mal wieder nach einem genauen Preis für ein Schild. Doch statt (wie bislang üblich) mit einem Betrag in Höhe von mehreren tausend Euro, antwortete mir der „Mathematikprofessor“ gegenüber mit den Worten: „Ach einige hundert Euro das Schokoladenschild!“

Ich hatte mit einem Betrag von über 5000 € gerechnet und war verwundert und zum ersten Mal angenehm überrascht. Nach unzähligen Fragen und gefühlt hunderten Antworten schien es nun so, als wenn tatsächlich bei zumindest diesem einem Schild eine preisliche Einigung möglich sei. In mir machte sich Hoffnung breit und naiv wie ich war, sah ich mich wenige Minuten später mit einem tollen Stück für meine Sammlung schon wieder gemütlich bei mir zuhause auf dem Sofa sitzen.

Doch alles kam ganz anders. Die Schilder waren natürlich nicht im Haus, sondern an einem geheimen Ort. Würde ich diesen jetzt gleich noch besuchen dürfen? Sollte tatsächlich gerade ich der Auserwählte sein, der als geeignet befunden wird, hier Zutritt zu bekommen?
Nein! Für nur ein Exemplar, bestenfalls zwei Schilder, gab es für mich keine Spontan-Audienz.

Statt dieser gab es den Satz:
„Überlegen Sie es sich. Kaufen Sie doch alles! 65.000,-- Euro und fertig. Das ist doch wirklich kein Geld. Schlafen Sie drüber und rufen Sie mich wieder an.“

Das war es! Nach einem zunächst ewig langen Besuch stand ich irgendwie ratzfatz abserviert alleine vor der Tür. Ich stiefelte am Porsche vorbei zu meinem Auto und war irgendwie leicht fassungslos. Dennoch rief ich ihn am nächsten Morgen an und wir verabredeten uns tatsächlich relativ zackig zum Besichtigen der Schilder. „Kommen Sie allein und seien sie pünktlich!“ bekam ich zu hören. Dann legte er auf.

Am Tag des Treffens kam ich überpünktlich, allein und ohne die Polizei zuvor informiert zu haben, zum Treffpunkt. Das „Lösegeld“ für meine geplanten Schilderkäufe hatte ich nicht in einer Papiertüte (wie sonst üblich), sondern diesmal akkurat in meinem Portemonnaie dabei. Gut sortierte neue Scheine, damit es von Seiten des Verkäufers wenigstens diesbezüglich keine Beanstandungen geben könnte. Trotz meiner Überpünktlichkeit wartete der skurrile Herr schon mit laufendem Motor in seinem Sportwagen auf mich. Aus einer von mir erwarteten ausgiebigen Begrüßung wurde zu meiner Verwunderung (aber auch großen Freude) nichts. Mit einem flotten „los geht’s“ schickte er mich zurück in meinen alten T4 Transporter und knatterte selbst zügig die Straße runter.

Was mir vor wenigen Tagen noch alles viel zu lange dauerte, verlief für mich jetzt alles viel zu schnell. Trotz größter Mühen und etwas fahrerischem Talent hatte ich mit meinem T4 einfach nicht den Hauch eine Chance gegen den Formel1-Seniorenweltmeister. Ich frage mich bis heute, wie es mir überhaupt gelingen konnte den „Teufelskerl“ nicht gänzlich aus den Augen zu verlieren. Aber egal. Flink standen wir gemeinsam an einer alten Halle. Die Tore wurden geöffnet, um gleich darauf hinter uns wieder umgehend verschlossen zu werden. Der Lösegeldübergabe stand nun eigentlich kaum noch etwas im Weg, wären da nicht diverse alte Traktoren gewesen, die in gleicher Halle lagerten und über die es natürlich viel zu erzählen gab.

Einige Zeit später durfte ich dann die Schilder begutachtet. Ganze zwei Exemplare waren es letztlich, über deren Erwerb ich ernsthaft nachdachte. Ich fragte nach einem knapp 10%igen Nachlass, wurde aber diesbezüglich recht schroff in meine Schranken verwiesen. Wie ich überhaupt darauf kommen könne, dass es einen Rabatt gebe, wurde ich gefragt. Ich solle doch (gefälligst) alle Schilder kaufen und ihm nun endlich die läppischen 65.000,-- auf den Tisch legen. Seine genaue Formulierung war natürlich anders, aber inhaltlich war dies sein voller Ernst.

Ohne einen weiteren Versuch des Handels zu starten bezahlte ich die beiden von mir ausgesuchten Schilder, setzte mich in meinen alten T4 und fuhr deutlich langsamer zurück, als ich gekommen war.

Mindestens drei mir bekannte Sammler hatten noch nach mir mit dem Traktoren liebenden Porsche-Opi Kontakt. Ich gehe einfach mal davon aus, dass auch sie diesen Herren niemals vergessen werden. Egal, ob sie sich mit ihm handelseinig geworden sind oder nicht. Er war (und ist hoffentlich noch heute) ein echtes Unikat. Seine Autobiografie kaufte ich ihm später als netten Gefallen auch noch ab.

Gekauft habe ich bei ihm damals einen querformatigen XXL-Hansi, der übrigens bis heute auf meinem Kaminsims steht (ja; ich habe tatsächlich einen recht großen Kamin) und der mir trotz eines Loches irgendwie ans Herz gewachsen ist. Vielleicht liegt dies auch an der Geschichte, die mit der Porsche-Senior zum Schild erzählt hat. Das Loch sei durch einen Granatensplitter entstanden! Dies habe ihm der Vorbesitzer, von dessen Geräteschuppen er es eigenhändig abgeschraubt habe, quasi „eidesstattlich“ versichert.

Wieso liebe ich solche Storys eigentlich so sehr ;-)
In diesem Sinne – „ Blech is beautiful “ – Emaille manchmal natürlich auch!

Blecherne Grüße
Jochen Rath

Mit Geduld und Spucke fängt man eine Mucke!

Im November 2015 erhielten wir eine Art Rundmail der Berliner Blechschild Manufaktur 1904 GmbH. Diese Firma ist das Nachfolgeunternehmen der Gesellschaft für Blechemballage- und Plakatindustrie mbH, die seit 1904 in der Neuköllner Schinkestraße unter anderem Reklameblechschilder produzierte. In der Mail hieß es, dass die Produktionsstätte umgesiedelt und die Lagerbestände deutlich reduziert werden sollten. Alle Empfänger wurden eingeladen
nach Berlin zu kommen. Dort stünden Schilder aus der Produktion der vergangenen 100 Jahre zum Verkauf.

Bereits wenige Tage später fanden sich die beiden Autoren dieses Buches in Berlin wieder, um sich von den dortigen Verantwortlichen durch die alten Kellergewölbe führen zu lassen. Leider war kein einziges altes Schild zu entdecken. Stattdessen standen dort diverse Paletten mit neuzeitlichen Schildern der vergangenen zwei Jahrzehnte. Zwar gab es einen großen verschlossenen Raum, in dem sich unter Umständen auch ältere Exemplare befinden sollten, doch dieser blieb an diesem Tag für uns verschlossen.

Damit unsere Fahrt nach Berlin nicht ganz vergebens war, entschlossen wir uns, einen kleinen Posten der neuzeitlichen Ware zu erwerben. Der Kauf war zwar nicht der eigentliche Grund unseres Besuchs, aber für spontane kleine Geschäfte sind die beiden Autoren stets empfänglich.

In den nachfolgenden Tagen und Wochen intensivierte sich der Kontakt zu der Berliner Blechschild-Manufaktur. Weitere kleine Posten mit neuzeitlicher Lagerware wurden bestellt. Nicht zuletzt deshalb, weil uns in Aussicht gestellt wurde, bei der Abholung auch den geheimnisvollen verschlossenen Raum unter die Lupe nehmen zu dürfen. Doch daraus wurde auch beim zweiten Anlauf nichts!

In den kommenden Wochen folgten nochmals diverse Telefonate. Letztlich wurden wir ein drittes Mal nach Berlin gebeten. Bei diesem Treffen sollte der Verkauf des gesamtenrestlichen Lagerbestandes besprochen und der bislang stets verschlossene Raum endlich geöffnet werden.

Alles wurde zeitlich eingerichtet und es ging noch einmal auf den Weg in die Hauptstadt. Die Hoffnungen auf ein weiteres Geschäft rund um die neuzeitlichen Replikaschilder war recht groß, da man sich ja bereits zweimal zuvor hatte finanziell einigen können. Der Glaube daran, jetzt, gut sechs Monate nach der ersten Rundmail, noch auf einen Raum mit tollen alten Schildern zu treffen, war allerdings nur noch verschwindend gering.

Dass es diesen ominösen Raum gab, stand zweifelsfrei fest, denn wir hatten ja schon zweimal vor ihm gestanden. Doch was sollte sich genau in ihm befinden? Wenn wirklich alte Schilder in ihm aufbewahrt wurden, dann wären über die Jahre große Teile seines Inhalts ja sicherlich bereits verkauft worden. Vielleicht stünden in ihm auch nur stattliche Mengen irgendwelcher Aktenordner mit alten Geschäftsdokumenten, oder einige ausrangierte Maschinenteile? Im schlimmsten Fall hätte wieder niemand einen Schlüssel und wir bekämen auch beim dritten Anlauf keinen Einlass.

Doch kaum ein drittes Mal in der Neuköllner Schinkestraße eingetroffen, ging es direkt zu dem Raum, der uns über Monate viele Nerven gekostet und so unfassbar viel hat spekulieren lassen. Es wurde der Schlüssel ins Schloss gesteckt und die Tür geöffnet.

Das Unglaubliche wurde wahr, denn das legendäre historische Schilderarchiv der 1904 gegründeten Gesellschaft für Blechemballage- und Plakatindustrie mbh in Berlin existierte tatsächlich noch und wir konnten es exklusiv erwerben. Das letzte Geschäft wurde besiegelt und die Schatzsuche damit beendet.
Der Jubel war leise, aber grenzenlos. Der Jubel über unseren Jahrhundertfund!

Eine märchenhafte Fundgeschichte

Vor etwas 110 Jahren machte sich ein kleines Mädchen auf den Weg zu ihrer Großmutter. Sie hatte blonde Haare, rote Bäckchen, trug ein weiß-blaues Kleid, schwarze Schuhe, rote Socken, ein rosafarbenes Tüchlein um den Hals und hatte (ähnlich wie Rotkäppchen) eine rote Kopfbedeckung unter dem Kinn verknotet.

Sie hatte sich auf schlechtes Wetter eingestellt, denn sie trug einen großen Regenschirm bei sich. Ihre Kleidung glänzte und strahlte so unfassbar, dass man es schon von sehr weit weg gut erkennen konnte.

Das Mädchen war einer recht wohlhabenden Hamburger Unternehmerfamilie zugehörig, wirkte freundlich und durch einen stattlichen Korb, den sie ihrer kranken alten Großmutter bringen wollte, auch recht fleißig. Tag für Tag machte es sich auf den Weg. Immer gleich bekleidet, immer mit Schirm und Korb ausgestattet und stets gepflegt und ordentlich wirkend.

Trotz all dieser positiven Eigenschaften fiel sie förmlich von heut auf morgen in Ungnade. Höchstwahrscheinlich fanden es die Menschen in den Kriegsjahren 1914 bis 1918 einfach unangemessen mit so herrlich strahlender und farbenprächtiger Kleidung aufzuwarten. Es könnte auch an ihrem stets gut gefüllten Korb gelegen haben, der bei vielen Menschen in Zeiten der Not gar nicht gern gesehen war.

Das hübsche Mädchen wurde von dort an mit Missachtung gestraft. Ihre Kleider nicht mehr gewaschen und sie selbst in eine Art Abstellkammer gesperrt. Ein Grund dafür, dass sie über die Jahre ihre bezaubernde Ausstrahlung verlor, könnte auch ihre Trauer darüber gewesen sein, dass sie ihrer Großmutter urplötzlich keinen Kaffee mehr bringen durfte. Dieser war es nämlich ausnahmslos, der sich in ihrem Korb befand.

Sie machte schwere Zeiten durch und erlebte voller Angst auch den gesamten 2. Weltkrieg mit. Zum Glück blieb ihr Elternhaus von den unzähligen Bomben verschont. Bis 1989 lebte sie völlig einsam und zurückgezogen als Staatsbürgerin der DDR; jedoch ohne jemals der SED beigetreten zu sein.

Man könnte vermuten, dass sich das kleine Mädchen direkt nach der Wende auf den Weg in die Freiheit gemacht hätte, um sich an Bananen und vielleicht sogar Starbucks zu erfreuen. Doch weit gefehlt: Das blonde Mädchen blieb weiterhin in der für sie vorgesehenen Abstellkammer, ernährte sich ausschließlich von Liebig Fleischextrakt und wurde, da sie sich nicht waschen konnte (zumindest oberflächlich betrachtet), von Tag zu Tag unansehnlicher.

Doch im Februar 2016 sollte sich die Situation der kleinen Lady plötzlich und schlagartig verändern.

Unterstützt durch nette Menschen aus ihrem direkten Umfeld (Im weiteren Verlauf des wahren Märchens „Großenkel“ genannt!) traute sie sich nun endlich aus ihrer Abstellkammer heraus. Sie wischte sich den schlimmsten Dreck aus dem Gesicht und schüttelte sich Teile des gut 100 Jahre alten Staubs aus Haaren & Bekleidung. Besorgt blickte sie in den Spiegel, um selbst zu sehen in welchem Ausmaß die langen harten Jahre der Einsamkeit ihr zugesetzt hatten.

Ganze fünf kleine Pickel und eine winzige Abschürfung sprangen ihr ins Auge. Ihr anfängliche Begeisterung schlug schnell in Besorgnis um, denn bei einem Blick auf ihre linke Hand verschlug es ihr plötzlich den Atem. Was zunächst nach einem üblen Lochfraßgeschwür aussah, entpuppte sich bei genauerem Hinsehen allerdings als harmloses Muttermal, das sie schon seit Geburt ihr eigen nannte.
Die Sorgen des eitlen Mädchens waren also zum großen Glück völlig unbegründet und deshalb auch sehr schnell wieder verflogen.

Trotz der über Jahre sehr einseitigen Ernährung war sie nicht aus der Form geraten. Selbst die Spannkraft ihrer Haut war angesichts des stattlichen Alters einfach nur erstaunlich.

Es lag und liegt die Vermutung nahe, dass Liebigs Fleischextrakt ihr nicht nur die ewige Jugend geschenkt, sondern ihr sogar durch seine unglaubliche Nahrhaftigkeit die Lebensfreude bewahrt hatte. (Ein im wahrsten Sinne des Wortes glänzendes Produkt!)

Trotz ihres hohen Alters fand sie sich optisch so ansprechend, dass sie von ihren „Großenkeln“ eine Kontaktanzeige mit Bild für sich schalten ließ. In dieser war Folgendes zu lesen:

„Hübsches altes Mädchen mit bürgerlichen Nachnahmen; einer feinen Hamburger Kaufmannsfamilie entsprungen und mit liebreizenden Äußerem ausgestattet, sucht neues ruhiges Zuhause in dem es gut behandelt und dauerhaft wertgeschätzt wird. Grundbedingung: Nähe zu einer Stadt mit markenunabhängiger Fußball-Bundesligamannschaft.

Zahlreiche Adoptiveltern wollten sich dem
Mädchen annehmen, doch ihre Liebe zum norddeutschen Schmuddelwetter (sie hat über all die Jahre ihren Schirm nie aus der Hand gelegt) gab letztlich den Ausschlag für ihre Entscheidung.

Nach einem kurzen Kennenlerngespräch mit mir, verabschiedete sie sich von ihren „Großenkeln“, ließ diesen noch ein schönes Taschengeld da, und stieg furchtlos zu mir ins Auto. (Was kleine Mädchen ja eigentlich niemals machen sollen!)

In ihrem neuen Zuhause angekommen, sprang sie zunächst einmal unter die Dusche, um sich vom Dreck der vergangenen 100 Jahre endgültig & vollständig zu entledigen. Frisch abgeseift begannen die wenigen Pickelchen und die kleine Abschürfung auf ihrer Haut schon zu verblassen. Sie verzichtet bis heute auf teure Cremes und Öle, da sie die Auffassung vertritt, dass sie diese nicht nötig habe.

Es werden zwar Mini-Narben an ihrem Körper dauerhaft sichtbar bleiben (zumindest unter Verwendung von technischen Hilfsmitteln zur Optimierung der Sehschärfe), aber auf einen Besuch bei einem berühmten Berliner Hautarzt oder einem in Krefelder ansässigen Schönheitschirurgen kann zum Glück verzichtet werden.

Auch eine zeitnahe Verlegung in ein Altenheim kommt nicht in Betracht. Zumindest so lange nicht, wie ich dort nicht auch wohnhaft bin!

Jacob-Wilhelm Grimm